Leserbiefe

Wettergott als Verbündeter

Obwohl der Frühling auch im Westkarree an der Französischen Allee schon angeklopft hat, die Hyazinthen, Osterglocken und Forsythzie blühen, ist die Stimmung herbstlich. Viele Nachbarn sind gegangen – wenn auch nicht ganz freiwillig. Vertraute Gesichter an den Fenstern oder zwanglose Gespräche mit Nachbarn im Innenhof werden immer seltener. Wenn man bedenkt, was früher hier für ein Leben und Treiben – wenn auch nicht immer ganz friedlich – stattfand, als der, schon seit 12 Jahren von der Baugesellschaft gewollte, Leerstand sich noch in Grenzen hielt. Jung und Alt profitierten voneinander – auch spielerisch. Oft bauten wir privat unsere Tischtennisplatte auf und jeder konnte mitspielen. Beim abendlichen Blumengießen versammelten sich die Kinder um mich, und jeder durfte mal gießen, oder sie fragten nach dem Namen der einen oder
anderen Blume. Das alles wird zerstört, weil es politischer Wille der „Stadt“ ist, hier hochwertigen Wohnraum zu schaffen,
was nur mit Abriss zu bewerkstelligen ist!


Impression aus dem Innenhof

Genügend Helfer dafür hat unser Herr Oberbürgermeister ja um sich geschart. In einem Zeitungsinterview 2008 antwortete er auf die Frage: „Geht Jens Gottwald von der TGH zur Baugesellschaft als neuer Geschäftsführer ?“ –“Wir holen uns jeden fähigen Kopf, um unsere Pläne zu verwirklichen“, war seine Antwort. Ebenso an seiner Seite der Vorsitzende des Hanauer Geschichtsvereins. Dann wäre da noch Herr Bieberle als verantwortlicher Projektleiter beim WeDi und auch die Grünen im Kleeblatt, die ruhig zusehen, wie ein Baum nach dem anderen gefällt wird und sich für den „Stadtumbau“ stark machen!
Ein guter Stratege – unser OB, das muss man ihm lassen, denn er muss auch einen guten Draht nach ganz „oben“ zum Wettergott als Verbündeten im WeDi haben, denn der lange Winter im letzten Jahr und der frühe Einbruch dieses Winters ließ die Heizkosten der verbliebenen Mieter – in Anbetracht der vielen leerstehenden Wohnungen und der versäumten Isolierung der Häuser seitens der Baugesellschaft – stark in die Höhe schnellen. Außerdem haben einige Mieter nasse Außenwände in ihren Wohnungen, die sie dann letztendlich auch zu „Auszugswilligen“ macht, indem sie eine andere Wohnung angeboten bekommen.

Ein weiterer Verbündeter in dem ganzen Prozess ist der Vorsitzende des Mieterschutzbundes, Herr Heinz, der gleichzeitig Stadtverordneter der SPD ist, und die Sanierung des Westkarrees für groben Unfug hält, obwohl er genau weiß – und auch unser Sozialdezernent, Herr Weiss-Thiel, daß gerade solcher, noch einigermaßen preisgünstiger Wohnraum in Hanau von mehr als 1000 Familien und Alleinstehenden gesucht wird. Auf die Nachfrage der Presse im Jahr 2009, was denn ist, wenn die Mieter (Westkarree) nicht ausziehen wollen, war seine Antwort:“Wenn am Schluß nur noch einer im Haus wohnt, wird er sich nicht mehr wohl fühlen und ausziehen.“ – Wenn er sich da mal nicht täuscht !!!

Jutta Cerniglia
Hanau, den 17.03.2011

OFFENER BRIEF

Sieben Kündigungen im Westkarree
03.03.2011

Sehr geehrter Herr Gottwald, sehr geehrter Herr Günther,

Wir als Sprecherinnen des Mieterrates „Französische Allee“ gehören unter anderem zu den sieben Mietern des „Westkarres“, die am Montag , den 28.2.2011 von der Baugesellschaft Hanau die Kündigung für ihre Wohnung zum 30.11.2011 erhalten haben.

Unter welchen Gesichtspunkten die sieben Parteien von achtunddreißig noch hier wohnenden ausgewählt wurden, ist uns unverständlich, denn es gibt noch mehrere Auszugsunwillige, denen man Wohnungen angeboten hat, die aber teurer oder in einem schlechteren Zustand waren als ihre jetzigen, die sie in Eigenregie instand gehalten haben.

Die Kündigung wird gestützt auf BGB §573, Abs.2, Nr.3, wonach der Vermieter kündigen kann, wenn er an einer angemessenen wirtschaftlichen Verwertung des Grundstücks gehindert ist.

Dem Kündigungsschreiben wurde eine Beurteilung der vorhandenen Bausubstanz, der erforderlichen Sanierungskosten und eine Wirtschaftlichkeitsberechnung beigelegt.

Die Baugesellschaft Hanau kommt bei der Bewertung der vorhandenen Bausubstanz allen Ernstes zu dem Ergebnis, dass diese „ Null“ sei und die erforderlichen Sanierungskosten bei 2.240,76 €/m² liegen.

Wir haben daher einen Bau-Sachverständigen und einen Sachverständigen für Vermietungs-angelegenheiten vom Haus- und Grundbesitzer- Verein um Stellungnahme gebeten.

Der Bausachverständige sagt aus, dass die Baukonstruktion des Gebäudes handwerklich ausgesprochen solide ausgeführt wurde, keinerlei Baumängel aufweist und noch 200 Jahre halten kann.

Die Mängel an der Wohnanlage, vor allem an der Fassade und in den Außenanlagen, seien auf mangelhafte Pflege und Vandalismus zurückzuführen, welche entstehen konnten, weil die Baugesellschaft Hanau für unsere 176 Wohnungen schon seit über 10 Jahren keinen hauptamtlichen Hausmeister mehr beschäftigt.

Nach Aussage des Bausachverständigen ist eine angemessene energetische Sanierung der Fassade, die Sanierung der Bäder und der Einbau einer Gasetagenheizung (was eigentlich schon für 1999 angedacht war) für 350,00 €/m² im bewohnten Zustand machbar.

Wir bezahlen z.Zt. eine Kaltmiete von durchschnittlich 4,50 €/m².

Der Sachverständige für Vermietungsangelegenheiten sagt aus, dass auf dem Hanauer Wohnungsmarkt für neue Wohnungen mit 100 m² Größe, in der Regel 7,00 €/m² Kaltmiete erzielt werden.

Für jeden, der auch vom Bauen nichts versteht, wird damit ersichtlich, dass bei einem Differenzpreis von 2,50 €/m², der komplette Abriss eines vorhandenen Gebäudes und der Bau eines neuen Gebäudes wirtschaftlich nicht gerechtfertigt ist.

Nach Aussage des Sachverständigen für Vermietungsangelegenheiten gibt es in Hanau eine sehr hohe Nachfrage nach kleinen, gut geschnittenen und preisgünstigen Wohnungen, so wie unsere an der Französischen Allee.

Der jetzige Leerstand an der Französischen Allee ist von der Baugesellschaft gezielt gewollt und nicht, wie immer von ihr dargestellt wird, dass die Wohnungen nicht nachgefragt werden.

Die wirtschaftlich einzige vertretbare Alternative ist der Erhalt der Gebäude und deren behutsame Sanierung.

Die Baugesellschaft Hanau soll wissen, dass wir der Kündigung widersprechen und die Wohnung auf keinen Fall freiwillig räumen und mit allen rechtlich verfügbaren Mitteln dagegen angehen werden.

Zu dem, von uns in der Vergangenheit häufig benutzten Wort „Vertreibung“ möchten wir noch folgendes anmerken: Wir beide sind selbst 1945 unter schweren Begleitumständen aus den deutschen Ostgebieten vertrieben worden, was auch für andere, bereits – schweren Herzens – ausgezogene Mieter zutrifft.

An der Französischen Allee haben wir über Umwege eine neue Heimat gefunden und unsere Wohnungen mit großer Liebe zum Detail eingerichtet.

Sollten wir diese Wohnung nun verlassen müssen, werden wir uns ein weiteres Mal heimatlos fühlen.

Mit freundlichen Grüßen
Jutta Cerniglia Erika Sklaretzki

Was ich mir für das Jahr 2010 und die Zukunft wünsche

Im Alter denkt man oft an frühere Zeiten – auch an die Schulzeit – zurück. Zu unserer Zeit gab es Poesiealben, in denen man sich mit klugen Sprüchen und Zitaten für das spätere Leben verewigte. Liest man sie heute, schmunzelt man, oder sie machen einen nachdenklich, weil man den Sinn erst heute, mit all unseren Lebenserfahrungen, richtig versteht. Einen davon möchte ich, im Hinblick auf die hohe Verschuldung, an der noch die nachfolgenden Generationen zu knappern haben werden, unserer „Rathausspitze“ für das Jahr 2010 zur Beherzigung auf die Tagesordnung setzen: „Sei wie das Veilchen im Moose – bescheiden, sittsam und rein – und nicht wie die stolze Rose, die stets nur bewundert will sein.“
Ich wünsche mir, dass wieder mehr Menschlichkeit in allen Bereichen des Lebens Einzug hält, z.B. dass der Bürger rechtzeitig mit einbezogen wird, wenn es um gravierende Veränderungen in seinem Lebensbereich geht, und nicht erst, wenn nicht mehr daran zu rütteln ist. Gutes Beispiel ist der WeDi. Mein größter Wunsch – und auch der vieler Mieter, die hier seit Jahren und Jahrzehnten ihr zu Hause haben, das ihnen Geborgenheit gibt – ist, dass wir in unseren Wohnungen bleiben können, indem die Gebäude der Städt. Baugesellschaft die seit mehr als 10 Jahren angedachte bezahlbare Sanierung erhalten, statt sie dem Erdboden gleich zu machen. In diesem Zusammenhang wünsche ich mir mehr Respekt gegenüber der älteren Bevölkerung, die nun nicht mehr zu den potenziellen Leistungsträgern der Gesellschaft gehört, aber durch deren Hände Arbeit und den daraus erzielten Steuern der heutigen dynamischen Regierungsspitze im Rathaus eine gute Ausbildung gewährleistet werden konnte!
Für die arbeitsuchenden Menschen wünsche ich mir die Abschaffung der Leihfirmen. Der Mensch wird gehandelt wie Ware und durch die befristeten Verträge, die meist schon vor Ablauf der Probezeit aufgekündigt werden. Wie soll ein junger Mensch heutzutage für die Zukunft planen geschweige denn eine Familie gründen? (Sklaverei lässt grüßen!)
Den Kindern wünsche ich mehr Nestwärme in ihren Familien und eine gute Grundsteinlegung in den Schulen für ihr späteres Leben. Auch hier möchte ich einen Spruch aus meinem Poesiealbum anbringen, den mir 1957 ein Lehrer einschrieb: „Der Mensch muss sich in der Welt selbst forthelfen; und dies ihn lehren – ist unsere Aufgabe.“(Pestalozzi)
Weiterhin wünsche ich mir eine saubere Stadt durch mehr Präsenz von Ordnungshütern, die die Übeltäter sofort zur Rechenschaft ziehen – mit einem gleichzeitigen Appell an die Hanauer und die Besucher unserer Stadt: Abfälle gehören in den nächsten Mülleimer! (Zigarettenkippen, ausgekaute Kaugummis, Hundekot, Verpackungen von Fastfood ect.,ect.) Dem Grünflächenamt möchte ich sagen: Danke, weiter so! Hanau blüht auf – auch ohne den WeDi! Nach Durchführung des WeDi’s wird Hanau nicht mehr u n s e r Hanau sein, denn die Ankündigung unseres Oberbürgermeisters: „In den nächsten 10 Jahren wird vom Schlossplatz bis zur Französischen Allee kein Stein mehr auf dem anderen bleiben!“, spricht Bände. Das sollte alle Hanauer nachdenklich machen, besonders die, die die Bombardierung der Innenstadt am 19. März 1945 miterlebt haben und am Wiederaufbau beteiligt waren – und auch alle, die ihre Stadt lieben. Viele, sehr viele Hanauer und Nichthanauer können es nicht begreifen. Ich weiß von was ich rede, denn sie kommen samstags zu unserem Infostand am Marktplatz und schütten uns ihr Herz aus.
Dem Einzelhandel wünsche ich viele Kunden von nah und fern (auch ohne WeDi), viele kommen auch jetzt gern nach Hanau, anstatt nach Offenbach, Aschaffenburg oder Frankfurt zu fahren. Karstadt muss in Hanau bleiben!
Außerdem wünsche ich mir für die Brüder Grimm Stadt Hanau, dass die Besucher von Außerhalb am Hauptbahnhof und auch an den Stadteingängen „Herzlich willkommen“ geheißen werden –und zwar durch Märchengestalten, und das funktioniert auch ganz ohne den WeDi!!
Den Mitmenschen möchte ich mit auf den Weg geben: Mehr Bescheidenheit, weniger Anspruchsdenken, nehmt die Sorgen der Kinder ernst, mehr Mut, sich gegen eine Politik zu wehren, die nicht in unserem Sinne entscheidet, denn sie sind des Volkes Vertreter. Nur leider wird dies allzu oft vergessen.
Für meine Familie wünsche ich mir: Mehr Gesundheit als im letzten Jahr, sichere Arbeitsplätze als Garantie für eine gesicherte Zukunft und Frieden in der Welt.
Zum Schluss wünsche ich für mich persönlich: Weniger schlaflose Nächte („Denk’ ich an Hanau in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht.“ – In Anlehnung an Heinrich Heines „Denk’ ich an Deutschland in der Nacht,…), mehr Zeit für meine Familie und besonders für meine Enkel, und dass ich gesund bleibe, um weiterhin mit den Mietern an der Franz. Allee für unser Anliegen zu kämpfen, denn der Kampf – David gegen Goliath – nahm auch ein unerwartetes Ende.

Allen ein sorgenfreies Jahr wünscht

Jutta Cerniglia (Sprecherin des Mieterrats Franz. Allee)

Presseerklärung Mieterrat Französische Allee

Am 7. Oktober wurden wir, als die Sprecherinnen des Mieterrates der Französischen Allee, zu einem Gespräch in die Geschäftsräume der Hanauer Baugesellschaft eingeladen.

Hintergrund war die Anfrage des Mieterrates auf der Mieterversammlung vom 04. Juli 2009, eine Kopie des Gutachtens der Baugesellschaft zu bekommen, das belegen soll, dass die Häuser abgerissen werden müssen, da sie angeblich „wirtschaftlich nicht sanierbar“ sind. Dies wurde von Seiten der Baugesellschaft abgelehnt, jedoch wollte man uns Mietern – auf Nachfrage – Einsicht in das Gutachten gewähren.

Auf Mieterratsseite waren noch zwei weitere Mieter dabei, die in Wohnungen der Baugesellschaft an der Französischen Allee wohnen, darüber hinaus ein Architekt, der uns fachlich bei der Einsichtnahme des Gutachtens begleitete. Auf Baugesellschaftsseite war der Geschäftsführer Herr Gottwald, vier weitere Vertreter des Hauses sowie eine Vertreterin der Stadt anwesend.

Auf unsere nochmalige Nachfrage in diesem Gespräch, ob wir eine Kopie des Gutachtens bekommen könnten, wurde dies zum wiederholten Male verneint. Obwohl man in einer Presseerklärung der Stadt vor dem Gespräch von der „Transparenz und Versprechen gegenüber den Mietern“ sprach, die man einhalten wolle. Versprechen gegenüber den Mietern sind allerdings in der Vergangenheit nicht eingehalten worden, und Transparenz sieht für uns anders aus.

Wenn wir um eine Kopie des Gutachtens gebeten haben, geht es für uns darum, die Argumentation der Baugesellschaft nachvollziehen zu können. Nach den bisherigen Erfahrungen besteht hier ein massiver Vertrauensschwund der Mieter gegenüber der Städtischen Baugesellschaft.

Dennoch war es spannend, was wir in diesem Gespräch, und der Möglichkeit, einen „Blick“ auf das Gutachten zu werfen, erfahren konnten.
Um es vorweg zu nehmen – die von der Baugesellschaft ermittelten Kosten beweisen, dass eine Sanierung problemlos möglich ist. Dies wurde schon hunderttausendfach bei Wohngebäuden aus der Nachkriegszeit in Deutschland praktiziert.

Der Einbau eines Trittschallschutzes ist sicherlich nicht möglich. Daraus die Notwendigkeit eines Abrisses zu begründen, ist abwegig. Denn dann müsste man in Deutschland Hunderttausende von Nachkriegsgebäuden ebenfalls abreißen. Auch die Barrierefreiheit, die als Abrissargument herhalten soll, greift nicht. Hier könnte – wenn nötig – ein Treppenlifter Abhilfe schaffen. Das machen andere Baugesellschaften auch so.

Alle Argumente, die in dem Gespräch über das Gutachten angesprochen wurden, stellten sich als haltlos heraus, um damit einen Abriss zu begründen.

Es ist das Gutachten der Baugesellschaft, die dies belegt, obwohl man uns nur einen Einblick gewährte. Wenn aber dieser Einblick schon ausreicht, dass die Argumente der Baugesellschaft und der Stadt wie ein Kartenhaus zusammenbrechen, lässt das tief blicken.

Es stellt sich für uns also nach wie vor die Frage, warum nicht saniert wird. Hier gibt es offensichtlich andere Gründe. Wir haben auch hier wieder den Eindruck, dass man uns nicht die Wahrheit sagt!

Wir wollen an dieser Stelle nicht über diese Gründe spekulieren. Aber es stellt sich für uns weiterhin die Frage, ob diese Gründe vor Gericht standhalten, um den Kündigungsschutz der Mieter auszuhebeln. Darum können wir nach wie vor nicht einsehen, warum Mieter aus ihren Wohnungen ausziehen sollen.

Und eine politische Bewertung wollen wir uns derzeit auch noch vorbehalten. Dies werden wir zu gegebener Zeit nachholen. Es deutet sich aber an, dass hier bei dem „Wettbewerblichen Dialog“ ein Verfahrensfehler begangen wurde, für den die Stadtregierung allein verantwortlich ist.

Sprecherinnen des Mieterrates
„Französische Allee“

Jutta Cerniglia Erika Sklaretzki

Leserbrief v. 15.7.09

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, so steht es im Grundgesetz. Aber was zur Zeit in Hanau mit uns Mietern der städtischen Baugesellschaft passiert, die unmittelbar vom Wettbewerblichen Dialog betroffen sind, ist meines Erachtens unmenschlich.

Gerade die älteren unter uns, die ihr Leben während und nach dem Krieg gemeistert haben, durch harte Arbeit sich ein gemütliches Zuhause geschaffen haben, Kinder großgezogen haben, leiden unsäglich. Sie wollten so lange wie möglich, in ihrer gewohnten Umgebung mit sich allein zurecht kommen. Denn wenn man im Alter größeren Veränderungen ausgesetzt ist, wird man unsicher im alltäglichen Leben und das große „Suchen“ beginnt, weil sich nichts mehr an seinem alten Platz befindet. Im Alter ist bekanntlich das Langzeitgedächtnis dominant. So etwas lässt die Menschen an sich selbst zweifeln und fördert die Unsicherheit.

Deshalb kann man nicht von sozialverträglichen Maßnahmen reden, wenn man seitens der Stadt und der Baugesellschaft beim Umzug in eine seelenlose Wohnung behilflich sein will. Durch Gespräche gerade mit den ältesten „mitbetroffenen“ Mietern, habe ich Aussprüche gehört wie: „Wenn ich hier raus muss, nehme ich mir das Leben“, oder: „Vielleicht sterbe ich ja, bis es hier los geht“ (gemeint ist die Zwangsumsiedlung). So auch ein unmittelbarer Nachbar, 84 Jahre alt, der mir, mit Tränen in den Augen, sagte: „Ich will hier nicht weg und auch nicht ins Altersheim“. Er hält seine Wohnung allein in Ordnung, genießt seinen sonnigen Balkon mit den blühenden Geranien, hört gerne Schlager- und Volksmusik und singt lauthals mit. Wird er das in Zukunft noch können?

Auch die jungen Familien mit Kindern, die ihre Wohnungen auf eigene Kosten in modernen hochwertigen Wohnraum verwandelt haben, ihre Kinder, so wie auch früher die Kinder der älteren Mieter – und jetzt auch deren Kinder – in dem schönen grünen, geräumigen Innenhof mit Kinderspielplatz viel Freiraum zur gesunden Entwicklung zur Verfügung haben, sehen nun bangen Herzens in die Zukunft.

Es ist zu erwarten, dass viele von uns Schaden an Leib und Seele nehmen, was mitunter schon geschehen ist (massive Schlafstörungen, Bluthochdruck, Herzbeschwerden usw.). Denn das Eine ist nicht vom Anderen zu trennen. Seit mehr als einem halben Jahr ist für uns nichts mehr wie es vorher war. Die Sonne scheint nicht wie sonst. Auch die Blumen blühen anders als sonst. Wir nehmen das Treiben in der Stadt nur noch am Rande wahr.

Damit will ich zum Ausdruck bringen, wie die betroffenen Menschen unter der Entscheidung der jetzigen Kleeblattpolitik leiden. Ist der Mensch in unserer heutigen Gesellschaft nur noch eine Nummer oder eine Marionette? Ich glaube, das Ende der „Fahnenstange“ ist erreicht! Man sollte sich besinnen, was zuerst da war – der Mensch oder die Wirtschaft? – Also muss die Wirtschaft für den Menschen da sein -und nicht umgekehrt!!

Jutta Cerniglia
Hanau