OFFENER BRIEF

Sieben Kündigungen im Westkarree
03.03.2011

Sehr geehrter Herr Gottwald, sehr geehrter Herr Günther,

Wir als Sprecherinnen des Mieterrates „Französische Allee“ gehören unter anderem zu den sieben Mietern des „Westkarres“, die am Montag , den 28.2.2011 von der Baugesellschaft Hanau die Kündigung für ihre Wohnung zum 30.11.2011 erhalten haben.

Unter welchen Gesichtspunkten die sieben Parteien von achtunddreißig noch hier wohnenden ausgewählt wurden, ist uns unverständlich, denn es gibt noch mehrere Auszugsunwillige, denen man Wohnungen angeboten hat, die aber teurer oder in einem schlechteren Zustand waren als ihre jetzigen, die sie in Eigenregie instand gehalten haben.

Die Kündigung wird gestützt auf BGB §573, Abs.2, Nr.3, wonach der Vermieter kündigen kann, wenn er an einer angemessenen wirtschaftlichen Verwertung des Grundstücks gehindert ist.

Dem Kündigungsschreiben wurde eine Beurteilung der vorhandenen Bausubstanz, der erforderlichen Sanierungskosten und eine Wirtschaftlichkeitsberechnung beigelegt.

Die Baugesellschaft Hanau kommt bei der Bewertung der vorhandenen Bausubstanz allen Ernstes zu dem Ergebnis, dass diese „ Null“ sei und die erforderlichen Sanierungskosten bei 2.240,76 €/m² liegen.

Wir haben daher einen Bau-Sachverständigen und einen Sachverständigen für Vermietungs-angelegenheiten vom Haus- und Grundbesitzer- Verein um Stellungnahme gebeten.

Der Bausachverständige sagt aus, dass die Baukonstruktion des Gebäudes handwerklich ausgesprochen solide ausgeführt wurde, keinerlei Baumängel aufweist und noch 200 Jahre halten kann.

Die Mängel an der Wohnanlage, vor allem an der Fassade und in den Außenanlagen, seien auf mangelhafte Pflege und Vandalismus zurückzuführen, welche entstehen konnten, weil die Baugesellschaft Hanau für unsere 176 Wohnungen schon seit über 10 Jahren keinen hauptamtlichen Hausmeister mehr beschäftigt.

Nach Aussage des Bausachverständigen ist eine angemessene energetische Sanierung der Fassade, die Sanierung der Bäder und der Einbau einer Gasetagenheizung (was eigentlich schon für 1999 angedacht war) für 350,00 €/m² im bewohnten Zustand machbar.

Wir bezahlen z.Zt. eine Kaltmiete von durchschnittlich 4,50 €/m².

Der Sachverständige für Vermietungsangelegenheiten sagt aus, dass auf dem Hanauer Wohnungsmarkt für neue Wohnungen mit 100 m² Größe, in der Regel 7,00 €/m² Kaltmiete erzielt werden.

Für jeden, der auch vom Bauen nichts versteht, wird damit ersichtlich, dass bei einem Differenzpreis von 2,50 €/m², der komplette Abriss eines vorhandenen Gebäudes und der Bau eines neuen Gebäudes wirtschaftlich nicht gerechtfertigt ist.

Nach Aussage des Sachverständigen für Vermietungsangelegenheiten gibt es in Hanau eine sehr hohe Nachfrage nach kleinen, gut geschnittenen und preisgünstigen Wohnungen, so wie unsere an der Französischen Allee.

Der jetzige Leerstand an der Französischen Allee ist von der Baugesellschaft gezielt gewollt und nicht, wie immer von ihr dargestellt wird, dass die Wohnungen nicht nachgefragt werden.

Die wirtschaftlich einzige vertretbare Alternative ist der Erhalt der Gebäude und deren behutsame Sanierung.

Die Baugesellschaft Hanau soll wissen, dass wir der Kündigung widersprechen und die Wohnung auf keinen Fall freiwillig räumen und mit allen rechtlich verfügbaren Mitteln dagegen angehen werden.

Zu dem, von uns in der Vergangenheit häufig benutzten Wort „Vertreibung“ möchten wir noch folgendes anmerken: Wir beide sind selbst 1945 unter schweren Begleitumständen aus den deutschen Ostgebieten vertrieben worden, was auch für andere, bereits – schweren Herzens – ausgezogene Mieter zutrifft.

An der Französischen Allee haben wir über Umwege eine neue Heimat gefunden und unsere Wohnungen mit großer Liebe zum Detail eingerichtet.

Sollten wir diese Wohnung nun verlassen müssen, werden wir uns ein weiteres Mal heimatlos fühlen.

Mit freundlichen Grüßen
Jutta Cerniglia Erika Sklaretzki